Sonntag, 22. Oktober 2017

Misburg

Das erstmalig 1365 urkundlich erwähnte Misburg entwickelte sich im 19. Jahrhundert durch die sich hier ansiedelnde Zementindustrie von einem kleinen Dorf zu einer industriell geprägten Gemeinde. 1963 zur Stadt erklärt wurde Misburg 1974 im Zuge der niedersächsischen Kommunalreform nach Hannover eingemeindet und besteht heute aus den Stadtteilen Misburg-Nord und -Süd.

Misburg-Nord

Der Stadtteil wird im Nordosten begrenzt durch den Misburger Wald und die Autobahn A 2, im Osten durch die parallel zur Autobahn A 7 verlaufende Stadtgrenze, im Süden durch den Stichkanal zum Misburger Hafen und im Nordwesten durch die Straßen Gundelrebe und Bollnäser Straße und weiter südwestlich des Mittellandkanals parallel zum Kauzenwinkelhag, die Straßen Milanstraße, Am Stadtrand, westlich der Grenzstraße und von dort in südlicher Richtung bis zur Eisenbahnstrecke.

Im Dezember 2010 erhielt Misburg-Nord Anschluss an die Stadtbahn durch die Streckenverlängerung von Lahe bis zum vorläufigen Endpunkt an der Schierholzstraße. Die weitere Verlängerung der Strecke bis Meyers Garten befindet sich in der Planfeststellung. Von 1901 bis 1955 war Misburg bereits an das Netz der Straßenbahn Hannover angeschlossen. Die weitere Erschließung Misburgs übernehmen drei Buslinien.

Im Stadtteil gibt es drei Grundschulen (Mühlenweg, Pestalozzischule I, Kardinal-Galen-Schule), die Realschule Misburg sowie das Kurt-Schwitters-Gymnasium Misburg.

Misburg-Süd

Der Stadtteil wird begrenzt durch den Mittellandkanal, den Stichkanal zum Misburger Hafen, die Eisenbahnstrecke nach Lehrte und die Stadtgrenze im Osten. Er ist geprägt durch die hier ansässige Zementindustrie. An der Grenze zu Anderten befindet sich die S-Bahn-StationHannover Anderten-Misburg.

Das früher zu Anderten gehörende Wohngebiet Kleines Nordfeld wurde 1979 im Rahmen einer Grenzbegradigung Misburg-Süd zugeschlagen. Bestrebungen von Anwohnern, diese Änderung rückgängig zu machen, hatten keinen Erfolg.

Geschichte

Entstehung

Einer Legende zufolge ist Misburg nach der Burg des Ritters Miß benannt. Diese Burg soll einst an der Stelle gestanden haben, an der heute die Straße „Hinter der Alten Burg“ liegt. Bis 1947 waren dort zum Teil noch Sandwälle vorhanden. Der eigentliche Standort der Burg wird auf dem Gelände der jetzigen St.-Anna-Kirche vermutet, da bei deren Bau in den 1950er Jahren nicht nur wuchtige Grundmauerreste, sondern auch große und behauene Sandsteinquader freigelegt wurden. Wegen des schnell fortschreitenden Baus der Kirche konnte das Gelände nicht weiter untersucht werden.

Anderen Quellen zufolge entstammt das Wort „Mis“ einem inzwischen verschwundenen, durch das Hochdeutsche verdrängten, lokalen Dialekt und bedeutet schlicht „Moor“. Dadurch wird Misburg zur Burg im Moor.

Erstmals erwähnt wurde Meßborg 1365 in einer Urkunde, in welcher, als Herzog Wilhelm zu Braunschweig und Lüneburg der Stadt Hannover ein Privileg erteilte. Im Originalwortlaut der Urkunde wird das Altwarmbüchener Moor, das zwischen Altwarmbüchen, dem Misburger (Mudzborgher) Holz und Lahe liegt, zum Torfstechen für die Stadt Hannover und seine Bürger freigegeben:

Von Gottes Gnaden we Herr Wilhelm Herzoge tho Brunswick und a. 1365 to Lüneborch bekennen openbahr in dißem Breve dat we usen leven Borgern user Stadt Hannover hebben georlovet unde gegeven ewichliken to bruckende, da se mogen op dem More, da lecht zwischen der Warmboke unde dem Meßborger Holze unde dem lae torff stecken unde graven lassen und denen…

In einem Brief Bischof Gerhards von Hildesheim aus dem Jahre 1373 wird Misburg erwähnt als

… der Landwere zwischen Middesborch unde Hannover …

, und in einer Hildesheimer Chronik steht:

… Mißborg eine wüste Feldmarck samt den Mißborger Holz ist für Zeiten eine Borch gewesen, dem Stifft Hildesheim zugehörig, jetzo wohnen die von Alten da.

Die Schreibweise Misburgs änderte sich von Mudzburg über Meßborg oder Mißborg über Mißburg (1740 belegt) und schließlich in Misburg. Die heutzutage durch die Üstra und die Medien verbreitete Aussprache "Miesburg" ist nicht standardsprachlich und entbehrt jeglicher Grundlage.

Misburg war 1525 eine Bauernsiedlung mit etwa 25 Einwohnern, deren Höfe sich auf dem Gebiet der heutigen Anderter Straße befanden, zwischen der heutigen Waldstraße und der Kreisstraße. In dieser Zeit wurde die "Mudzborch" aufgegeben und verfiel. 1585 hatte das Dorf sieben Hofstellen, die sich bis 1800 auf 18 erweiterten.

Zementindustrie

Hauptartikel: → Zementindustrie bei Hannover

Ein enormer Wachstumsschub durch Industrialisierung setzte ab 1870 durch die sich ansiedelnde Zementindustrie ein. Der hier im Untergrund entdeckte Grundstoff Mergel wurde in Kalköfen gebrannt und zu Zement verarbeitet. Die vorbeiführende Eisenbahnstrecke erleichterte den Abtransport des Zements. Bis 1900 entstanden vier Fabriken:

  • Hannoversche Portland Cementfabrik (1873–1986/90)
  • Portland Cementfabrik Germania (1881–1976)
  • Teutonia Zementwerk (1887), seit 2004 HeidelbergCement
  • Norddeutsche Portland-Cementfabriken (1898), (heute Holcim)

Die Ära Gustav Bratkes

Misburgs Geschichte in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurde entscheidend durch den Sozialdemokraten Gustav Bratke geprägt. Der gelernte Lithograph kam 1910 nach Misburg und arbeitete hier zunächst als Lagerhalter im Konsumverein, bald gemeinsam mit seiner Ehefrau als dessen Geschäftsführer. Seit 1912 gehörte er für die SPD dem Misburger Gemeinderat an, ein Ereignis, das er später mit den Worten kommentierte:

„Als ich vor 40 Jahren zum ersten Male in die Gemeindevertretung Misburgs gewählt wurde, da wusste ich nicht, daß diese Wahl mein ganzes späteres Leben beeinflussen würde.“

1919 wurde er Gemeindevorsteher (Bürgermeister) von Misburg und 1920 SPD-Abgeordneter im Provinziallandtag der preußischen Provinz Hannover; 1926 außerdem Vorsitzender der Provinzialverwaltung. Gustav Bratkes Kommunal- und Sozialpolitik war durch eine Verbindung von Industrieansiedlung und kommunalen Investitionen gekennzeichnet. Er ließ die Gemeinde Bauland ankaufen, so dass es ihm gelang, 1931 die Ansiedlung der Erdöl-Raffinerie Deurag-Nerag in Misburg zu bewirken. Er ließ 154 gemeindeeigene Wohnhäuser sowie 250 Wohnungen in Misburg bauen und förderte den Eigenheimbau. 1925/26 folgte der Bau des eigenen Wasserwerks durch den Architekten Friedrich Fischer, der ersten Kanalisation und von zwei Kläranlagen, 1926 des Jugendheims ebenfalls durch Friedrich Fischer. Während der Weltwirtschaftskrise sorgte er für die Einrichtung einer Volksküche in der damaligen Turnhalle. Zu dieser Zeit waren von den damals circa 7.000 Einwohnern Misburgs rund 2.000 arbeitslos. 1933 musste Gustav Bratke alle politischen Ämter aufgeben.

Zweiter Weltkrieg

Während des Zweiten Weltkriegs wurde Misburg bei circa 45 alliierten Bombenangriffen von ungefähr 40.000 Spreng- und Brandbomben getroffen, 60% der Wohnhäuser wurden vernichtet oder beschädigt. Die Angriffe galten kriegswichtigen Betrieben, wie sie die Raffinerie Deurag-Nerag und die Zementfabriken Misburgs darstellten. Nur knapp 4 % der Bomben trafen jedoch die Raffinerie als Ziel der alliierten Luftoffensive gegen die deutsche Mineralölindustrie.

Im Jahre 1944 erfolgte vom Umspannwerk Ahlten der Aufbau einer Versuchsanlage zur Hochspannungs-Gleichstrom-Übertragung nach Misburg

Der Schriftsteller und Weltkriegsveteran Ernst Jünger, der ab September 1944 im nahen Kirchhorst lebte, hat in seinen Tagebuchaufzeichnungen "Kirchhorster Blätter" zu den Luftangriffen auf Misburg vermerkt:

"16. September 1944. Zahlreiche Überfliegungen. Misburg, das Hauptziel in der näheren Umgebung, wurde wieder getroffen, und große Ölvorräte brannten jenseits des Moores unter bleigrauen Rauchwolken ab…"

Am 15. März 1945, dem Tag des schwersten Luftangriffs auf Misburg, notierte er:

"Abends, während dieser Eintragungen, einer der schwersten Angriffe auf Misburg. Kundschafterflugzeuge säten zuerst eine wahre Allee von orangegelben Leuchtzeichen, sodann folgten die Abwürfe."

Nahe dem Werkgelände der Raffinerie befand sich von Juni 1944 bis April 1945 das KZ-Außenlager Hannover-Misburg des KZ Neuengamme. Bei den ersten Häftlingen handelte es sich um belgische und französische Widerstandskämpfer. Sie wurden bei Aufräumarbeiten auf dem durch Bombenangriffe beschädigten Raffineriegelände der Deurag-Nerag eingesetzt. Durchschnittlich 1.000 Häftlinge waren in dem Lager untergebracht; etwa 55 sollen während seines Bestehens zu Tode gekommen sein. Gegen Ende des Krieges wurden die Häftlinge auf einenTodesmarsch nach Norden in Richtung Neuengamme durchgeführt, der am 8. April 1945 im KZ Bergen-Belsen endete. Auf dem früheren Lagergelände an der Hannoverschen Straße in Höhe des Mittellandkanals wurde 1989 als Mahnmal eine Skulptur von Eugène Dodeigneaufgestellt.

Weitere Entwicklung

Nach dem Zweiten Weltkrieg hat sich Misburg dem "Europäischen Gedanken" gewidmet und viele Städtepartnerschaften aufgenommen, zum Beispiel mit Bollnäs (Schweden), Flekkefjord (Norwegen), Shepton Mallet in Somerset (England) und weiteren europäischen Städten.

Am 29. Juli 1963 wurde Misburg zur Stadt erklärt. Im Zuge der niedersächsischen Kommunalreform wurde die Stadt am 1. März 1974 nach Hannover eingemeindet.

1972 bekam Misburg vom Europarat als Dank für seine Bemühungen um die Völkerverständigung die Ehrenflagge verliehen.

Im Zuge der Konzentrationen in der Zementherstellung wurden die meisten Zementwerke gegen Ende des zwanzigsten Jahrhunderts stillgelegt. Auch die Erdölraffinerie DEURAG-NERAG wurde 1986 stillgelegt.

Persönlichkeiten

  • Friedrich Wilhelm Barkhausen (1831–1903), gebürtiger Misburger, Jurist, Kirchenpolitiker, Mitglied des Preußischen Herrenhauses, Kurator des Klosters Loccum
  • Hermann Manske (1839–1919), Fabrikant, 1886 Gründer der Zementfabrik „Germania“
  • Max Kuhlemann (1857–1929), Fabrikant, Kommerzienrat, Inhaber der von seinem Vater Friedrich Kuhlemann gegründeten Portland-Zementfabrik
  • Gustav Bratke (1878–1952), 1919–1933 Gemeindedirektor von Misburg, 1946 erster, von der britischen Militärregierung eingesetzter Oberbürgermeister von Hannover, organisierte 1947 die erste Hannover-Messe, 1952 Ehrenbürger von Misburg
  • Christian Kuhlemann (1891–1964), Ingenieur, seit 1925 Direktor der von seinem Großvater Friedrich Kuhlemann gegründeten Portland-Zementfabrik in Misburg, Bundestagsabgeordneter (NLP/DP 1949–1953), Präsident der Industrie- und Handelskammer Hannover (1953–1964)
  • Herta Dürrbeck (1914–1995), kommunistische Widerstandskämpferin
  • Axel Plaue (* 1950 in Misburg), SPD-Politiker, 1986-2008 Abgeordneter des Niedersächsischen Landtages, Vorsitzender des Bezirksverbandes Hannover der AWO
  •  Lena Meyer-Landrut (* 1991), Sängerin und Gewinnerin des Eurovision Song Contest 2010

Quelle:Wikipedia

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